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Kundenannahmeprozess in der Bank: KI liefert konstant die gleiche Arbeitsqualität ab  

KINOTE: Herr Jürgens, was bietet ihre Firma Nect GmbH den Kreditinstituten mit ihrem KI-basierten Verfahren genau an? Wo liegt der Mehrwert gegenüber der bisherigen Videoidentifizierung mit automatisiertem Verfahren?

Benny Bennet Jürgens: Wir offerieren mit Nect Ident eine Identitätsfeststellung natürlicher Personen, etwa für den Zugriff auf persönliche Daten oder zur Ausstellung einer qualifizierten elektronischen Signatur (QES). Der Unterschied zu klassischen Video-Ident-Verfahren besteht darin, dass die Überprüfung komplett maschinell abläuft. Mit Künstlicher Intelligenz (KI) wird die Echtheit des vorgezeigten Ausweisdokuments bestätigt, das Gesicht abgeglichen, und es wird überprüft, ob die Bilder der Kamera digital manipuliert wurden oder ob ein physischer „Angriff“ per Maske oder Ähnliches stattfindet. Was normalerweise der Mensch bei einem Video-Ident- oder Post-Ident-Verfahren macht, wird hier voll und ganz von einer Maschine übernommen.

Der Vorteil des Verfahrens liegt zum einen darin, dass der Nutzer keine langen Wartezeiten in Kauf nehmen muss. Das ist sehr wichtig, denn bei zu langwierigen Verfahren brechen Kunden in der Regel früh ab. Zum anderen kann man hier eine größere Sicherheit erreichen, weil die KI verlässlich mit konstanter Qualität arbeitet, die typischen und normalen Qualitätsschwankungen eines Menschen gibt es nicht.

KINOTE: Das klingt vorteilhaft gegenüber dem Video-Ident, bei dem immer noch Menschen eingesetzt werden, etwa zum Abgleich von Bilddateien. Darüber hinaus verwenden Sie zur Identifikation auch Audio-Dateien. Aus welchem Grund?

Jürgens: Bei der Gesichtsaufnahme, also dem Selfie, fordern wir den Nutzer dazu auf, per Zufall ausgewählte Worte zu sagen, die ihm eingeblendet werden. Die hierdurch erzeugten Muskelbewegungen im Gesicht lassen eine verlässliche Prüfung zu, ob tatsächlich ein Mensch gerade vor der Kamera sitzt und nicht etwa ein digital manipuliertes Video eingespielt oder eine Maske verwendet wird. Wenn man neben dem Bildmaterial auch noch eine Tonaufnahme hat, stehen der Künstlichen Intelligenz noch mehr Datenpunkte zur Auswertung zur Verfügung. Es geht hier darum, absolut sicher feststellen zu können, ob ein lebender Mensch vor der Kamera steht – und hierzu gehört eben immer auch die Stimme.

KINOTE: Wie funktioniert das Verfahren im Detail?

Jürgens: Der Nutzer wird zunächst dazu aufgefordert, ein Video und ein Foto von einem seiner Ausweisdokumente zu machen, etwa vom Reisepass, Personalausweis oder vom Führerschein. Wichtig ist, dass diese Dokumente optisch variable Sicherheitselemente wie zum Beispiel Hologramme aufweisen. Das Video wird dann ins Backend übertragen. Die KI wertet daraufhin aus, ob bspw. die richtigen optisch variablen Sicherheitsmerkmale vorhanden sind, um so die Authentizität des Dokuments zu bestätigen. Schließlich muss der User noch ein Selfie-Video machen. Die beiden Aufzeichnungen werden sodann im Backend miteinander verglichen. Stimmt das Gesicht des Ausweisdokuments mit dem des Selfie-Videos überein, ist der Nutzer authentifiziert.

KINOTE: An die Identifikation des Kunden werden vom Gesetzgeber hohe Anforderungen gestellt. Denken Sie, dass KI diese Anforderungen auch künftig zuverlässig erfüllen kann? Wie sieht es mit der Evaluierung von Fehlern im System aus? Was ist, wenn mal etwas schief geht, die KI Fehler macht?

Jürgens: Arbeiten Menschen immer fehlerfrei? Schauen wir mal auf das Video-Ident-Verfahren. Dafür werden oft Dutzende Menschen eingesetzt. Wie wird hier mit einer Fehlinterpretation umgegangen? Wird sie überhaupt entdeckt? Es ist unmöglich sicherzustellen, dass Mitarbeiter immer konstant die gleiche Arbeitsqualität abliefern. Sie unterliegen in ihrer Leistung Schwankungen, was absolut menschlich ist. KI-basierte, maschinelle Verfahren haben den schlagenden Vorteil, dass sie, egal, welcher Vorgang zu bearbeiten ist, faktisch konstant immer die gleiche Qualität erzielen. Wenn die KI dazugelernt hat, also noch besser geworden ist, könnten sogar erneute Prüfungen vergangener Fälle stattfinden.

KINOTE: Welche Vorteile hat eine KI noch?

Jürgens: Auf lange Sicht kommt hinzu, dass die Künstliche Intelligenz in kurzer Zeit dazu in der Lage ist, den gleichen Erfahrungsschatz aufzubauen wie es ein Mitarbeiter vielleicht erst innerhalb von 40 Jahren schafft. Ein Mensch könnte in seinem ganzen Berufsleben schätzungsweise 100.000 Video-Ident-Prüfverfahren durchführen. Das schafft die Maschine innerhalb von Minuten. Bei repetitiven Aufgaben, und dazu gehört auch die Überwachung des Zahlungsverkehrs, ist eine KI qualitativ deutlich besser als der Mensch. Bei der Intuition jedoch wird der Mensch der Maschine noch lange überlegen sein; er merkt im Gespräch, dass etwas nicht stimmt, dass man ggf. nochmal nachfragen muss. Es wird noch Jahre brauchen, bis eine Maschine so etwas Ähnliches wie eine Intuition hinbekommt.

KINOTE: Herr Jürgens, vielen Dank für das Gespräch.

Benny Bennet Jürgens (Foto unten) ist CEO und Gründer der Nect GmbH. Das Hamburger IT-Start-up entwickelte eine zum Patent angemeldete Robo-Ident-Technologie, eine KI-basierte Online-Identifizierung.

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Das Interview ist ein Auszug aus dem Podcast „Kundenidentifizierung mittels Künstlicher Intelligenz beim Onboarding“ der Podcast-Reihe „durch die bank“.

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