Markt Magazin

istock.com/Chainarong Prasertthai

Automatisierte Vorprüfung: KI kann Baufinanzierung effizienter machen

Nach Meinung von 62 Prozent der Entscheider in der deutschen Finanzwirtschaft wird Künstliche Intelligenz (KI) in den kommenden fünf Jahren ein wichtiges Thema der Branche. Zu diesem Ergebnis kommt die PwC-Studie „How mature is AI adoption in financial services?“ aus dem vergangenen Jahr. Als Ziele eines KI-Einsatzes nennen 80 Prozent der Befragten Effizienzgewinne, 70 Prozent Kosteneinsparungen, 56 Prozent Personalisierung und 50 Prozent Compliance. Dazu passen auch die KI-Projekte, über die in der Branche und der Öffentlichkeit diskutiert wird. Sie reichen von Anlageberatung über Automatisierungen im Online-Kundenservice bis hin zur Betrugsprävention. Die Marktfolgeprozesse in der Baufinanzierung finden sich bislang nicht unter den gehypten Einsatzfeldern von KI.

Prozessautomatisierung hat Verbesserungspotenzial
Dabei ist die Frage, warum das so ist, durchaus berechtigt. Schließlich dürfte im Bereich Prozessautomatisierung noch Luft nach oben sein. Denn hier wird vieles noch händisch erledigt. Das liegt grundsätzlich zunächst an der Tatsache, dass Baukredite in aller Regel in Tranchen ausbezahlt werden und so gut wie nie auf einen Schlag. Die fällige Finanzierungsrate wird von den Finanzierern erst angewiesen, wenn bestimmte, vorher vereinbarte Meilensteine beim Bau erreicht sind. Der Bauherr muss den entsprechenden Baufortschritt nachweisen.

Das kann mittels Handwerkerrechnungen, Fotos, Gutachten oder auch durch einen Ortstermin mit einem Bankmitarbeiter geschehen. Die Kreditsachbearbeiter dürfen die Zahlung erst freigeben, wenn sie von der Richtigkeit der Angaben des Kreditnehmers überzeugt sind.

Die Folge ist ein häufig mühseliges Klein-Klein, das obendrein weitgehend analog abläuft. Nun drängt sich zunächst keine Automatisierungsmöglichkeit auf – weder bei der Kommunikation mit dem Bauherrn, noch beim Check eingegangener Rechnungen und Baufortschrittsmeldungen bzw. der Prüfung, ob ausgezahlte Raten wirklich für die Baumaßnahme verwendet wurden. Aber soll man deswegen einfach weitermachen wie bisher? Prozesskosten sind oft exorbitant hoch. Meist dauert es auch, bis die Kredittranchen erst beim Bauherrn und mittelbar dann bei den Handwerkern ankommen – und im Marktbereich funktioniert die digitale Transformation ohnehin längst: Mehr als ein Drittel der Baufinanzierungen werden online angebahnt.

Bislang müssen sich die Sachbearbeiter in der Baufortschrittskontrolle immer wieder neu in den Vorgang einlesen, wenn ein weiterer Auszahlungsstichtag ansteht. Selbst wenn Kreditakten elektronisch vorliegen, müssen von den Bauherren eingesandte Fotos, Dokumente oder Gutachten von Hand dem richtigen Vorgang zugeordnet werden. Dann muss der Bankmitarbeiter selbst entscheiden, ob ihm die vorgelegten Nachweise ausreichen oder er mehr Informationen braucht – oder, ob er im Zweifel selbst zum Objekt fährt und eine persönliche Inaugenscheinnahme vornimmt.

KI übernimmt Vorprüfung
Dieses Verfahren kostet letztlich Zeit und alle Beteiligten Geld: dem Bauherrn im Extremfall durch Mahngebühren und den Handwerkern, weil Forderungen später bezahlt werden. Schließlich könnten sich die Sachbearbeiter viel intensiver um tatsächliche Problemfälle oder die Beratung bei Bauverzögerungen kümmern, wenn sie weniger Aufwand mit Routinevorgängen hätten. Die Lösung liegt daher in Künstlicher Intelligenz.

Natürlich kann ein Algorithmus nicht auf die Baustelle fahren und dort Steine zählen. Aber er kann, entsprechend vorprogrammiert, aus den vorhandenen Kreditaktendaten und den neu eingereichten Unterlagen Rückschlüsse auf die Plausibilität der Angaben des Bauherrn ziehen. Neueste Methoden der Bildanalyse und innovative mathematische Modelle lassen es durchaus zu, Rechnungen und Bilder vom Baufortschritt zu prüfen.

Idealerweise tritt KI in Aktion, bevor der Sachbearbeiter tätig wird. Das heißt: Sämtliche – hier dann komplett elektronisch – eingereichte Unterlagen werden zunächst vom Algorithmus geprüft und erst danach weitergeleitet – dies zusammen mit einer Empfehlung für das weitere Vorgehen, die von „Auszahlung“ bis „kritische Nachprüfung erforderlich“ reichen kann. Im zweiten Fall ist dann wieder die Arbeit des Bankmitarbeiters gefragt. Da er aber die unkritischen Vorgänge nicht mehr bearbeiten muss, kann er sich nun intensiv den auffälligen widmen. Die anderen Zahlungen kommen dagegen umso schneller beim Kreditnehmer an, was Bauverzögerungen vermeidet und die Zufriedenheit auf allen Seiten deutlich steigert. » 1

KI hat zudem den Vorteil, dass sie mit der Zeit immer besser darin wird, kritische und unkritische Fälle auseinanderzuhalten. Aktuell ist zu Beginn eines solchen KI-Einsatzes damit zu rechnen, dass sich 50 Prozent des Bearbeitungsaufwands in der Baufortschrittskontrolle automatisieren lassen. Dieser Anteil fällt mit zunehmendem KI-Einsatz deutlich höher aus. Für die Baufinanzierer ist das ein immenses Plus, denn auf dem stark umkämpften Markt haben sie sonst nur wenig Möglichkeiten, ihre Margen weiter zu steigern.

Fazit
Idealerweise ist eine solche KI-Funktionalität mit einem spürbar verbesserten Kundenerlebnis gekoppelt, beispielsweise einer App für das Smartphone. Mit dieser scannt der Bauherr relevante Dokumente und macht Aufnahmen vom Baufortschritt mit der eingebauten Kamera. Die Daten werden dann automatisch dem
richtigen Vorgang zugeordnet, können verzögerungslos von der KI geprüft und vom Sachbearbeiter abgerufen werden. Daraus ergibt sich eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: mehr Bequemlichkeit für den Kunden, weniger Aufwand für die Bank und schnelleres Geld für Handwerker und Bauunternehmen.

 

Autor



 

Marc-Nicolas Glöckner ist Manager bei der PPI AG.

Stichworte

Verwandte Artikel

Anzeige

Lexikoneinträge